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Berufliche Neuorientierung mit angefangenem Studium

Stand: 04. Juni 2026

Allgemeine Information ohne Gewähr - keine Rechts-, Steuer- oder Sozialberatung und keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit. Verbindlich sind allein die Auskünfte der jeweils zuständigen Stelle.

Ein Studienabbruch ist kein abruptes Ende, sondern der Beginn einer Neuausrichtung. Deutschland verfügt über ein breites Netz an Beratungsangeboten und Bildungswegen, das Studienaussteigern den Übergang in Ausbildung, Beruf oder ein alternatives Studium erleichtert. Dieser Ratgeber gibt einen strukturierten Überblick über die wichtigsten Optionen und nächsten Schritte.

Standortbestimmung: Was habe ich bisher erreicht?

Vor der Entscheidung für eine bestimmte Option lohnt eine ehrliche Bestandsaufnahme:

Optionen im Überblick

Betriebliche Berufsausbildung

Eine duale Ausbildung verbindet praktische Betriebserfahrung mit theoretischem Unterricht in der Berufsschule. Für Studienaussteiger ist sie oft die schnellste Route zu einem anerkannten Abschluss: Nach § 7 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) können erbrachte Studienleistungen bei der zuständigen Kammer auf die Ausbildungsdauer angerechnet werden. In vielen Fällen ist eine Verkürzung der Regelausbildungszeit um bis zu 50 % möglich. Mehr dazu im Ratgeber Ausbildung nach dem Studium sowie im Ratgeber zur Anerkennung von Studienleistungen.

Duales Studium

Wer die Kombination aus Praxis und Theorie sucht, aber einen akademischen Abschluss anstrebt, kann in einen dualen Studiengang wechseln. Diese werden von Berufsakademien (BA), Hochschulen für angewandte Wissenschaften und einzelnen Universitäten angeboten. Die Zulassungsvoraussetzungen und die Möglichkeit zur Anrechnung bereits erbrachter Leistungen unterscheiden sich je nach Einrichtung erheblich - eine Anfrage beim Prüfungsamt ist vor der Bewerbung empfehlenswert.

Direkteinstieg in den Beruf

In einigen Branchen, insbesondere in der IT, dem digitalen Marketing und im Vertrieb, wird ein Studienabschluss nicht zwingend vorausgesetzt. Einschlägige Berufserfahrung, ein überzeugendes Portfolio oder absolvierte Online-Zertifikate können einen Einstieg auch ohne formalen Abschluss ermöglichen. Dieser Weg ist meist dann sinnvoll, wenn bereits praktische Kenntnisse vorhanden sind. Einzelheiten im Ratgeber Direkteinstieg ohne Abschluss.

Wechsel in einen anderen Studiengang oder eine andere Hochschule

Wer das Studium grundsätzlich fortsetzen möchte, aber die Fachrichtung oder den Hochschultyp ändern will, kann sich an einer anderen Hochschule bewerben. Bereits erbrachte Studienleistungen lassen sich in der Regel über einen Anrechnungsbescheid des Prüfungsamts der neuen Hochschule anerkennen. Die Lissabon-Konvention, in Deutschland als Bundesgesetz ratifiziert, verpflichtet Hochschulen zu einer wohlwollenden Prüfung. Details zur Vorbereitung dieser Anträge im Ratgeber Anerkennung von Studienleistungen.

Beratungsangebote

Agentur für Arbeit - Berufsberatung für Studienaussteiger

Die Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit ist die zentrale erste Anlaufstelle. Viele regionale Agenturen unterhalten spezialisierte Teams für Hochschulabsolventinnen und Studienaussteiger. Die Beratung ist kostenlos und umfasst:

Termine sind unter arbeitsagentur.de oder telefonisch unter der kostenfreien Servicenummer 0800 4 5555 00 buchbar.

IHK und HWK - Ausbildungsberatung

Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie Handwerkskammern (HWK) bieten eigene Beratungsangebote für Studienaussteiger und unterstützen bei der Suche nach Ausbildungsbetrieben sowie bei der Antragstellung zur Anrechnung von Studienleistungen. Viele Kammern organisieren spezielle Informationstage und Speed-Dating-Formate, bei denen Studienabbrecher direkt mit Ausbildungsbetrieben in Kontakt treten können.

Hochschulinterne Studienberatung und Career Services

Auch wer das Studium noch nicht abgebrochen hat, aber zweifelt, sollte die allgemeine Studienberatung der eigenen Hochschule aufsuchen. Viele Hochschulen bieten zudem Career-Service-Stellen, die den Übergang in den Beruf begleiten - auch ohne Abschluss.

Erworbene Kompetenzen aus dem Studium nutzen

Wer ein oder mehrere Semester studiert hat, bringt auch ohne Abschluss verwertbare Kompetenzen mit:

Im Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgespräch sollten diese Kompetenzen konkret und mit Beispielen belegt werden - pauschale Formulierungen überzeugen Personalabteilungen nicht.

Förderung und Finanzierung der Neuorientierung

Berufsausbildungsbeihilfe (BAB)

Auszubildende, die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen können oder deren Eltern bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschreiten, können BAB beantragen. BAB deckt Lebenshaltungskosten während einer Ausbildung und wird von der Agentur für Arbeit bewilligt. Voraussetzung ist eine sozialversicherungspflichtige Berufsausbildung.

Ausbildungsbegleitende Hilfen (abH)

Wer während der Ausbildung fachliche Unterstützung benötigt, kann kostenlose Nachhilfe über ausbildungsbegleitende Hilfen erhalten. Voraussetzung ist ein laufendes Ausbildungsverhältnis und ein entsprechender Antrag bei der Agentur für Arbeit.

Bildungsgutschein

Für vorbereitende Qualifizierungsmaßnahmen oder Umschulungen kann die Agentur für Arbeit einen Bildungsgutschein ausstellen. Dieser berechtigt zur Teilnahme an einem zugelassenen Kurs auf Kosten der Agentur. Voraussetzung ist in der Regel die Arbeitslosigkeit oder drohende Arbeitslosigkeit.

Überbrückungskredite und Stipendien

Einige Begabtenförderungswerke und Stiftungen vergeben Stipendien auch für Auszubildende - zum Beispiel die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung oder die Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (SBB). Eine Übersicht findet sich auf dem Stipendienlotsen des BMBF unter stipendienlotse.de.

Quellen

Hinweis

Dieser Ratgeber gibt allgemeine Hinweise nach bestem Wissen und stellt keine Rechts-, Steuer- oder Sozialberatung im Einzelfall dar. Verbindliche Auskünfte erhalten Sie bei Ihrer Hochschule, dem BAföG-Amt, der Familienkasse, der Ausländerbehörde, dem Finanzamt oder einer Rechts-/Steuerberaterin.

Häufige Fragen

Welche Behörde ist nach dem Studienabbruch die erste Anlaufstelle?
Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit bietet eine kostenlose, individuelle Orientierungsberatung für Studienaussteiger. Viele Agenturen unterhalten spezialisierte Hochschulberatungsteams, die direkt an Universitäten Sprechstunden abhalten. Terminvereinbarung ist online oder telefonisch möglich.
Kann mir das Studium bei einer Ausbildung etwas nützen?
Ja. Erbrachte Studienleistungen können nach § 7 BBiG (IHK-Bereich) bzw. § 27a HwO (Handwerksbereich) bei der zuständigen Kammer auf die Ausbildungsdauer angerechnet werden. In der Praxis ist eine Verkürzung um bis zu 50 % der regulären Ausbildungszeit möglich, abhängig von Fach und Kammer.
Habe ich nach dem Studienabbruch Anspruch auf Arbeitslosengeld?
In der Regel nicht sofort, da Studieren kein versicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis begründet. Wer neben dem Studium sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, kann unter Umständen Ansprüche erworben haben. Die individuelle Prüfung erfolgt durch die Agentur für Arbeit; eine Anmeldung als arbeitssuchend ist in jedem Fall empfehlenswert.
Gibt es finanzielle Förderung für eine Ausbildung nach dem Studium?
Ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) und Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) kommen für bestimmte Personengruppen in Betracht. Zudem können Bildungsgutscheine der Agentur für Arbeit für vorbereitende Qualifizierungsmaßnahmen ausgestellt werden. Die Voraussetzungen sind individuell zu prüfen.
Muss ich mich zuerst exmatrikulieren, bevor ich mich neu orientiere?
Nein, die Exmatrikulation ist nicht zwingend vor der Beratung erforderlich. Sinnvoll ist es jedoch, sie vor Beginn einer Ausbildung oder eines neuen Studiums abzuschließen, um Beitragspflichten zu beenden und alle Bescheinigungen für Antragsverfahren zu erhalten.
Welche Kompetenzen aus dem Studium sind im Beruf verwertbar?
Studierende erwerben auch ohne Abschluss übertragbare Fähigkeiten: selbstständiges Arbeiten, wissenschaftliches Recherchieren, Präsentieren, Umgang mit komplexen Informationen sowie fachliches Grundlagenwissen. Diese Kompetenzen sind im Anschreiben und Vorstellungsgespräch konkret zu benennen.